Zwischen Stoffwechsel, Kunst und Kontinuität – Ein Interview mit Prof. Dr. Günther Gercken anlässlich seines 95. Geburtstags am 19. März 2026
19. März 2026, von Markus Perbandt und Thomas Behrens

Foto: Prof. Dr. Günther Gercken
Ein Leben zwischen Biochemie und Kunst, zwischen Grundlagenforschung und kulturellem Engagement – der Werdegang von Prof. Dr. Günther Gercken zeigt eindrucksvoll, wie vielseitig ein wissenschaftliches Leben sein kann. Geboren 1931 in Gladbeck, führte ihn seine frühe Faszination für die biologischen Grundlagen von Gesundheit und Krankheit zunächst zur Medizin. Schon während seines Studiums beschäftigte ihn die Frage, „wie Stoffwechselprozesse das Funktionieren von Organen bestimmen“ – ein Interesse, das ihn 1956 zur Promotion bei Wolfgang de Boor und später zur Habilitation über den Stoffwechsel von Gehirn und Herz führte.
Nach seiner Approbation 1959 begann er als wissenschaftlicher Assistent in Köln und wechselte 1963 an die Universität Hamburg, wo ihn die Verbindung von medizinischer Fragestellung und biochemischer Methodik besonders anzog. 1965 erhielt er die Venia legendi für Biochemie, 1971 wurde er Professor und Abteilungsvorsteher der Biochemie. Seine Forschung widmete sich über Jahrzehnte genetisch bedingten Stoffwechselerkrankungen, den Mechanismen des Eiweiß‑, Kohlenhydrat‑ und Lipidstoffwechsels sowie zellulären Signalwegen wie der stressinduzierten Proteinphosphorylierung und dem Sphingolipidstoffwechsel.
Doch Gerckens Leben spielte sich nie ausschließlich im Labor ab: Parallel zu seiner wissenschaftlichen Karriere engagierte er sich intensiv für die zeitgenössische Kunst, sammelte frühe Werke junger Künstlerinnen und Künstler und war von 1972 bis 1990 Vorsitzender des Kunstvereins in Hamburg. Diese ungewöhnliche Doppelrolle – Forscher und Kunsthistoriker zugleich – prägt sein Leben bis heute - ein Leben, das sich nie auf eine einzige Disziplin beschränkte.
Redaktion: Sie gelten gemeinsam mit Prof. Helmut Hilz (1969-1990 Institutsdirektor des Physiologisch-Chemischen Instituts am UKE) als Väter des Studiengangs Biochemie/Molekularbiologie. Wie kam es zu dieser wegweisenden Initiative?
Prof. Gercken: Die Idee entstand aus einer wissenschaftlichen Notwendigkeit heraus. In den späten 1970er‑ und frühen 1980er‑Jahren war klar, dass die Chemie sich verändern würde. Die Molekularbiologie gewann rasant an Bedeutung, und wir sahen, dass die klassische Ausbildung in Chemie, Biologie oder Medizin allein nicht mehr ausreichte. Prof. Hilz und ich waren uns einig: Wenn Hamburg wissenschaftlich konkurrenzfähig bleiben wollte, brauchte es einen Studiengang, der diese Disziplinen systematisch verbindet.
In Marburg und Tübingen gab es bereits vergleichbare Studiengänge – das zeigte uns, dass der Zeitpunkt reif war. Aber in Hamburg war der Weg alles andere als einfach. Zunächst gab es große Widerstände am Fachbereich Chemie und der medizinischen Fakultät. Die Biologie wollte erst gar nicht mitmachen. Viele Kolleginnen und Kollegen sahen die Gefahr, dass ein neuer Studiengang Ressourcen binden oder Konkurrenz um Doktoranden schaffen würde.
Was uns letztlich half, war die Unterstützung des damaligen Universitätspräsidenten Fischer‑Appelt. Er erkannte die strategische Bedeutung des Projekts und setzte sich dafür ein, dass Chemie, Biologie und Medizin den Studiengang gemeinsam tragen – allerdings zunächst ohne weitere Ressourcen zu erhalten. Aber er gab uns Rückendeckung, und das war entscheidend. Ohne ihn hätten wir den Widerstand in den Fachbereichen nicht überwinden können.
Redaktion: Wie gestaltete sich die Aufbauphase?
Prof. Gercken: Wir mussten vieles improvisieren. Das Curriculum entstand „aus der Substanz“. Wir übernahmen Praktika aus der Anorganischen und Organischen Chemie, aus der Naturstoffchemie, aus der Biochemie und später aus der Molekularbiologie. Die Kunst bestand darin, diese Bausteine so zu verbinden, dass daraus ein schlüssiger, interdisziplinärer Studiengang wurde.
Natürlich gab es Reibungen. Der „Kampf um die Doktoranden“ war real – einige Kolleginnen und Kollegen befürchteten, dass der neue Studiengang ihnen Nachwuchs abziehen würde. Aber mit der Zeit setzte sich die Erkenntnis durch, dass wir gemeinsam etwas geschaffen hatten, das weit über die Summe der Einzelteile hinausging.
Redaktion: Was machte den Studiengang aus Ihrer Sicht so erfolgreich?
Prof. Gercken: Die Studierenden. Wir hatten jedes Jahr über 1000 Bewerbungen für nur 20 Plätze. Das erlaubte eine Auswahl der besten und motiviertesten jungen Menschen. Viele von ihnen haben beeindruckende Karrieren gemacht – einige sind heute selbst Professorinnen und Professoren, andere in leitenden Positionen in der Industrie.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir Andreas Guse. Er hat bei mir promoviert und war später selbst in der Lehre des Studiengangs aktiv. Seine wissenschaftliche Entwicklung war beeindruckend: Er wurde Direktor des Instituts für Biochemie und Molekularbiologie II am UKE und übernahm dort auch die Funktion des Prodekans für Lehre. Solche Werdegänge zeigen, dass die Grundidee des Studiengangs richtig war – und dass sich die Mühe gelohnt hat, ein wirklich interdisziplinäres Programm aufzubauen.
Redaktion: Sie haben in Ihrer Zeit am Fachbereich auch personelle Weichen gestellt. Gibt es Berufungen, auf die Sie besonders stolz sind?
Prof. Gercken: Ja, unbedingt. Besonders wichtig war mir, dass wir Carl‑Wilhelm Vogel und Reinhard Bredehorst für die Universität Hamburg gewinnen konnten. Beide waren vorher an der Georg-Washington University und Carl-Wilhelm Vogel hatte bei mir seine externe Promotion abgeschlossen.
Bei Vogel war es damals keineswegs selbstverständlich, dass er nach Hamburg kommen würde. Er hatte mehrere Angebote und war in einer starken Verhandlungsposition. In seinen Berufungsgesprächen gelang es ihm, erhebliche Mittel für den Ausbau der Abteilung für Biochemie auszuhandeln.
Redaktion: Neben Ihrer wissenschaftlichen Arbeit waren Sie fast zwei Jahrzehnte Vorsitzender des Kunstvereins in Hamburg. Wie kam es dazu?
Prof. Gercken: Kunst hat meine Frau und mich unser Leben lang begleitet. Wir haben früh Werke junger Künstler gesammelt – oft von damals noch völlig Unbekannten. Viele wurden später sehr berühmt. Diese Sammlung war eine Form der Förderung. Die Arbeit im Kunstverein war für mich genauso wichtig wie meine wissenschaftlichen Arbeiten.
Redaktion: Hat die Kunst Ihren wissenschaftlichen Blick beeinflusst?
Prof. Gercken: Nein, das würde ich nicht sagen. Wissenschaft und Kunst sind für mich zwei getrennte Welten – aber beide haben mich erfüllt. In der Wissenschaft geht es um überprüfbare Erkenntnisse, um Hypothesen, Experimente und Daten. Die Kunst dagegen folgt einer ganz anderen Logik: Sie ist offen, intuitiv, manchmal auch widersprüchlich. Ich habe diese Bereiche immer bewusst voneinander getrennt gehalten.
Was mich an der Kunst jedoch immer fasziniert hat, ist der schöpferische Prozess – ganz im künstlerischen Sinne. Dieses Ringen um Form, um Ausdruck, um eine innere Stimmigkeit. In der Kunst entsteht etwas, das vorher nicht da war, und dass allein aus der Vorstellungskraft und dem Gestaltungswillen einer Person hervorgeht. Das hat mich tief beeindruckt, aber es hat meine wissenschaftliche Arbeit nicht beeinflusst.
Im Labor war ich Biochemiker, in Ausstellungen Sammler und Kunstvermittler. Vielleicht war gerade diese klare Trennung der Grund, warum ich beides mit so großer Freude tun konnte – ohne dass das eine das andere überlagert hätte.
Redaktion: Ihre Sammlung moderner Druckgrafik hat über Jahrzehnte hinweg Gestalt angenommen. Welche Bedeutung hat sie für Sie – und warum war es Ihnen so wichtig, sie als Ganzes zu bewahren?
Prof. Gercken: Wichtig war es meiner Frau und mir immer, dass unsere Sammlung als ein geschlossenes „Werk“ verstanden wird. Über Jahrzehnte haben wir frühe Druckgrafiken und Arbeiten junger Künstler gesammelt – oft von Menschen, die damals noch völlig unbekannt waren. Diese Sammlung erzählt eine Geschichte: von Entdeckungen, Begegnungen, Entscheidungen, von einem bestimmten Blick auf Kunst und auf künstlerische Entwicklung.
Deshalb war es mir ein großes Anliegen, dass diese Sammlung als Ganzes erhalten bleibt. Sie wurde der Staatlichen Kunstsammlung Dresden übergeben. Bewusst als Stiftung und nicht als Dauerleihgabe. So kann die Sammlung nicht auseinandergerissen werden, sondern als zusammenhängendes kulturelles Zeugnis bestehen bleiben.
Redaktion: Sie gelten heute als einer der führenden Experten für Ernst Ludwig Kirchners Druckgrafik. Wie kam es zu dieser intensiven kunsthistorischen Arbeit – und was macht Ihr Werkverzeichnis so besonders?
Prof. Gercken: Das hat sich über viele Jahre entwickelt. Meine Frau und ich haben uns schon früh für moderne Druckgrafik interessiert, und Kirchner hat mich dabei besonders fasziniert. Seine Holzschnitte, Lithografien und Radierungen besitzen eine enorme Ausdruckskraft, aber auch eine komplexe Entstehungsgeschichte. Irgendwann wurde mir klar, dass viele Aspekte seines druckgrafischen Werks noch nicht ausreichend dokumentiert waren.
So entstand die Idee zu einem umfassenden, kritischen Werkverzeichnis – ein Projekt, an dem wir in Kooperation mit E. W. Kornfeld (Verlag in Bern) zwei Jahrzehnte (2000–2020) gearbeitet haben. Es katalogisiert alle bekannten Holzschnitte, Lithografien und Radierungen Kirchners, dokumentiert verschiedene Druckzustände, Varianten und alle bekannten Exemplare. Damit konnte ich ältere Standardverzeichnisse nicht nur ergänzen, sondern in vielen Teilen auch grundlegend überarbeiten.
Mir war wichtig, Kirchners druckgrafisches Werk in seiner ganzen Breite und Tiefe sichtbar zu machen – nicht nur als kunsthistorisches Material, sondern als lebendigen Prozess. Jede Druckplatte, jeder Zustand, jede Variation erzählt etwas über Kirchners Arbeitsweise, seine Entscheidungen, seine künstlerische Entwicklung.
Dass dieses Werkverzeichnis heute als Referenz gilt, freut mich natürlich. Aber es war nie ein akademisches Projekt im klassischen Sinne. Es war eine Leidenschaftsarbeit – getragen von Neugier, Beharrlichkeit und der Freude daran, etwas wirklich gründlich zu verstehen.
Redaktion: Gibt es eine Anekdote aus Ihrer Universitätszeit, die Sie besonders gerne erzählen?
Prof. Gercken: Ja, eine kleine, aber sehr typische. Eines Tages sprach mich der Hausmeister im Foyer des Fachbereichs Chemie an und erzählte mir begeistert, dass ja mein Bruder im Kunstverein aktiv sei (Foto im Abendblatt). Er war überzeugt, nichts ahnend, dass mein „Bruder“ ich selbst war, von dem er sprach. Diese Verwechslung hat mich sehr amüsiert und zeigt vielleicht ganz gut, wie wenig man damals damit rechnete, dass ein Biochemie‑Professor gleichzeitig tief in der Kunstszene verwurzelt sein könnte.
Redaktion: Wie haben Sie all diese Aktivitäten unter einen Hut bekommen?
Prof. Gercken und seine Frau lachend: Der Tag hat 24 Stunden – und dann kommt ja noch die Nacht dazu. Badeurlaub oder Kreuzfahrten wären uns ein Graus gewesen. Urlaub gab es nur in Verbindung mit Kunst. Ich habe tatsächlich ein Parallelleben geführt: als Professor und Forscher auf der einen Seite, als Kunstliebhaber, Sammler und Kunsthistoriker auf der anderen.
Redaktion: Herr und Frau Professor Gercken, vielen Dank für dieses Gespräch!

