2004 - mit Familienzulage bringe ich es als 54jähriger Arbeitskreisleiter mit 80 Originalarbeiten zur Theorie und Anwendung der Röntgenstreuung auf knapp 64000€ brutto. Die von mir ausgebildeten Polymerwissenschaftler steigen als 30jährige in der Industrie mit 55000€ ein. Forschungseinrichtungen in den USA zahlen anfangs wenig, aber in 10 Jahren arbeitet man sich selbst mit rein instrumenteller Arbeit leicht von 35000$ auf 80000$ herauf.


2004, 2005, 2006, 2007, ...
brutto: 64000€, 63000€, 59000€, 56000€, ...
Entmutigung durch endlose Gehaltskürzungen bei Wissenschaftlern

 

Ich habe einen Traum

Ich wache auf und Möllring sitzt neben mir im Bett. Er zeigt den Stinkefinger: "Dreh' dich 'rum!" Ich springe auf, doch da steht Bsirske und versperrt mir den Weg. "Komm, hilf mir!", sagt Möllring. "Was hast Du vor?", fragt Bsirske. Möllring lakonisch: "TVöD-L!". Bsirske, beleidigt: "Wie oft muss ich Dich noch fragen, was das bedeuten soll. Raus mit der Sprache, sonst lass' ich ihn laufen!". Möllring lacht: "Totale Verödung von Leistungswillen, Du Dummchen!" Über Bsirskes Gesicht huscht ein Lächeln. Er stößt mich zurück aufs Bett. Möllring wendet sich an mich: "Zur Beruhigung", schiebt eine Kassette in einen Ghetto-Blaster und schaltet ein. Fetzen aus Ansprachen und Pressestatements von Köhler, Merkel und anderen Meinungsmachern dringen an mein Ohr: "Der Schlüssel ist die Bildung", "Ein Plus von 5,6 Prozent für Forschung, Innovation und Exzellenz", "Wir wollen die Schuldenlasten der öffentlichen Haushalte weiter senken. So schaffen wir neue Spielräume. Für Bildung, Forschung und Entwicklung"... Als ich beginne das Bewußtsein zu verlieren, zieht mein Leben als Wissenschaftler wie rasend an mir vorbei. Zuletzt 2005: Mein erster Sammelband erscheint, ich veröffentliche 8 wissenschaftliche Artikel und werde gebeten, ein Lehrbuch zu schreiben. Mein Bruttolohn sinkt um 1000€, weil Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld angeknabbert werden. 2006: Ich spreche als eingeladener Redner auf Tagungen in Japan und Hawaii, in den Niederlanden, bei der BAM in Berlin und beim Institut für Polymerforschung in Dresden, mein Doktorand gewinnt den (undotierten also ehrlichen) Posterpreis auf unserer größten Fachtagung, ich veröffentliche 3 neue wissenschaftliche Originalbeiträge, darunter den weltweit ersten Artikel zur volumenaufgelösten Nanostrukturanalyse an einem Kunststoffteil. Mein Lohn sinkt brutto um weitere 3500€. Ich werde nach TVöD-L übergeleitet und das Personalamt schreibt mir, dass ich überbezahlt sei -- ab jetzt werden monatlich 380€ nur als "Besitzstandswahrung" gezahlt. Mein Lehrbuch geht in den Druck. Im Januar 2007 fliegt eine Tochter von der Steuerkarte - die Besitzstandswahrung ist weg, und monatlich sind wieder 200€ weniger auf dem Konto.

Als ich wieder zu mir komme, drängen sich meine Kollegen um mein Bett. Ich höre Stimmengewirr. "Wir sind eben keine Ärzte und können nicht streiken, aber wir haben doch andere Möglichkeiten" - "Du kanst ja schwarz für die Industrie arbeiten" - "Du hast doch neuerdings einen Etat. Da kannst Du doch sicher ein paar Sachen kaufen, die Du auch zu Hause gut brauchen kannst" - "Credits für Studenten nur gegen Euros" - "Urlaub mit Konferenzen verbinden" - "Dann geh' doch einfach etwas früher nach Hause und gib Nachhilfestunden". Ich schreie: "Doppelmoral und Schattenwirtschaft als neue Ökonomie? Ich will wissenschaftlich zu neuen Ufern, gute Wissenschaftler ausbilden - und ich will Anerkennung für meine Leistung!" Fluchtartig verlassen einige Kollegen das Zimmer. Ich höre noch "Er ist ja ein richtiger Idealist" - "Aber er entwickelt sich mehr und mehr zum Querulanten" - "Wenn ich für Leistung honoriert würde, dann würde ich meine Arbeitsweise auch wieder ändern" - "Leistung, wie will man die denn messen?"

Karin Tondorf steht an der Zimmertür und doziert: "Es gibt für Wissenschaftler im November immer noch 60, im Osten sogar 75 Prozent Weihnachtsgeld! Und vergessen Sie nicht die 12 Prozent Sonderzahlung im Dezember. Die geben wir, solange Leistung noch nicht gemessen werden kann." Möllring kichert: "Prima, Karin! So an die Presse damit! Wir wollen doch nicht jedermann auf die Nase binden, dass das nur für Bundesbedienstete gilt. Forschung und Bildung aber sind Ländersache - und was unsere Universitätsdozenten bekommen, sehen sie wenn sie die Augen schließen."

Alte Bekannte rücken an mein Bett. Sönke sagt: "Wenn Du nicht schon 57 wärst, könntest Du nach Argonne wechseln. Ich habe im letzten Jahr 3 Gehaltserhöhungen bekommen." Zlatan: "Portugal ist auch nicht schlecht. Wenn wir zu Vorträgen eingeladen werden, wird unser Reiseetat erhöht und unsere wissenschaftliche Produktivität wirkt sich auf das Gehalt aus. Sie wird z.B. in Druckseiten mal Wertfaktor der Zeitschrift gemessen in der wir veröffentlichen." Armando: "Schön, dass wir während meiner Doktorarbeit 12 Artikel veröffentlicht haben. So bekomme ich in Mexico sofort eine Zulage auf mein Gehalt". Klaus-Dieter: "Ich bin froh in Australien zu arbeiten. Nach 2 Jahren wirst Du eingebürgert, und dann bekommst Du ein leistungsbezogenes Gehalt. Kaum Unterschied zwischen Professoren und anderen Wissenschaftlern. Nie wieder zurück in das deutsche Kastensystem." Professor Balta: "Es geht doch wieder aufwärts! In Madrid hat jeder Mitarbeiter einen Inflationsausgleich bekommen und eine Prämie für die guten wissenschaftlichen Ergebnisse unseres Instituts im letzten Jahr."

Die Sonne geht unter. Je näher sie dem Horizont kommt, desdo klarer wird ein pausbäckiges lachendes Gesicht in der Sonnenscheibe. Wo ist meine Kamera? Das ist so unwirklich, das muss ich aufnehmen! Aber die Sonne bewegt sich ja nach links! Bin ich auf der Südhalbkugel? Als die Scheibe den Horizont schneidet, sehe ich vor ihr die Silhouette des neuen Synchrotrons neben der Monash-Universität in Melbourne. Da beginnt das Sonnengesicht zu sprechen: "Wir reden von Exzellenz und achten unsere Wissenschaftler gering. Tätigkeit als Azubi bleibt rentenwirksam - Studium nicht. Zusatzversicherungsbeiträge werden PROZENTUAL vom Gehalt abgezogen und kommen nur dem technischen Personal zu Gute, weil Hamburg gar keine Versicherung abschliesst und nur auf eine "ausreichende" Rente aufstockt. An Stelle von Gehaltserhöhungen wurden formale Arbeitszeitkürzungen vereinbart - wie soll man in 38 Wochenstunden Wissenschaft machen? Überstunden bei Messkampagnen werden nicht vergütet. Gehaltserhöhungen wurden jahrelang als FESTE Sockelbeträge gezahlt. Seit 2005 gehen wir bei unseren Wissenschaftlern ans Eingemachte - jetzt wird bei ihnen gekürzt und die niedrigen Lohngruppen erhalten Zulagen (Januar 2007: 360€), die deutlich höher sind als bei den Wissenschaftlern (60€). Wir wissen, dass die damit verbundenen Einkommenseinbußen alle Lohnerhöhungen der letzten 10 Jahre aufzehren und durch die Tarifumstellung in den nächsten Jahren weitere Härten auf sie zu kommen, die sich auf eine mindestens 25prozentige Lohnkürzung summieren. Inflationsverluste und Auswirkungen auf die Rente sind dabei noch nicht berücksichtigt. Die Landtagsabgeordneten und Minister zeigen ihre Solidarität, indem sie ihre Bezüge um 20 Prozent reduzieren". Das ist ein ehrliches Wort! Vielleicht bleibe ich ja doch. Und schreibe gelegentlich 'mal etwas nebenbei. Ob DIE ZEIT...?
- Ich wache auf.

Aufgefrischt am 12. Februar 2007 von Norbert Stribeck    Impressum
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